aus: AUS DEM FENSTER

‚Aus dem Fenster Schauen ist schön. Man sieht die Spitze des Kirchturms. Manchmal bimmelt’ s dort.  Viel Schnee liegt auf dem Dorfplatz. Man kann vom Fenster aus hinunter sehen. Den ganzen Tag hat es heute geschneit. Fette, flauschige Flocken. Vor einer Stunde hat der Messdiener einen Weg geschaufelt, vom Kirchtor hinüber zum Fußgängerüberweg, der die Straße überquert, die hinausführt, weg von meinem Fenster, zur nahen Stadt. Es ist achtzehn Uhr. Gleich. Gleich bimmelt’ s. Draußen ist es dunkel, schon eine Weile, zwei Laternen beleuchten spärlich den Platz, Zitronenlicht flattert herum in der Luft, zersprenkelt den Schnee, der am Fenster vorbei auf die Straße taumelt. 

Ganz links am Rand meines Blicks ein grünes Haus, ich sehe die Tür und in das Wohnzimmerfenster hinein. Da wohnen drei Männer und eine Frau, ich bin mir fast sicher. Hinten im Zimmer, dort: ein Bild an der Wand, ich kann es nicht richtig erkennen. Ein Fernsehgerät steht darunter. Da steht auch ein Tisch, ich sehe sie manchmal sitzen.‘ 

Sein Handy klingelte plötzlich. Dirk Matter ging zurück zur Kochnische, wo er in einem Topf das Essen von gestern aufwärmte: Kartoffeln, Karotten und Zwiebeln und viele bunte Paprika. Er mochte Zwiebeln. Das Telefon lag auf der Arbeitsplatte gegenüber von Kühlschrank und Spüle und Herd. Es setzte sich auf einen der Hocker. Er sah aus dem Fenster jetzt nicht mehr den Platz, er sah nur noch die Spitze des Kirchturms. Jetzt bimmelte die Glocke im Turm. „Ja bitte?“, sagte er in den Hörer hinein. Er hörte lange zu, sagte: „Ach Du“, und: „Ich weiß nicht. Vielleicht morgen. Ich rufe Dich an.“ Er legte das Handy zurück. Dann nahm er den Topf vom Herd und hielt ihn schräg, griff nach einem Löffel, um lieblos die Gemüsereste auf einen Teller zu schieben. Er setzte sich wieder, die Arbeitsplatte, die Küche und Wohnzimmer trennte, war Tresen und Esstisch zugleich, und begann langsam zu essen. 

Die Wohnung befand sich im obersten Stock, sie war klein: die Nische zum Kochen, die Platte mit Hockern, und unter dem Fenster auf der anderen Seite des Raumes ein Sofa, ein Couchtisch, zwei Sessel. Ein großer Fernseher stand auf dem Boden. Nebenan war noch ein Zimmer zum Schlafen, ein Klo und ein Bad und ein Schrank in der Wand. Ihm war’s genug. ‚Ob er sich einsam fühle? Natürlich bin ich allein. Hier in dem Ort. Natürlich kenne ich niemand. Vor einer Woche erst hab ich die Wohnung gemietet. Keiner weiß, ich bin hier!’  Knapp vier Wochen war es her, dass sie ihm aufgelauert hatten. Aus einer Garageneinfahrt heraus hatte ihn eine Eisenstange an den Waden getroffen, er war auf die Seite gefallen, das war sein Glück, das Messer hatte nur seine Schulter und seinen Bizeps gestreift. Das Bein war geschwollen, doch nicht gebrochen, es schmerzte ihn, hob er den Arm, doch die Stiche verheilten sehr gut. ‚Skinheads, rasierte Menschenschädel. Waren es Glatzen? Genau habe ich nichts gesehen.’ Sie hatten seine Taschen geplündert. Er hatte den Revolver gezogen und in die Luft geschossen, da waren sie schnell verschwunden.

Das Handy klingelte wieder, er löffelte noch.  „Ja bitte?“ Ihre Stimme, sie war unerbittlich und hart: „Sie haben die Fotos?“ „Ich hatte“, sagte er kauend, „aber sie wurden gestohlen. Ich wurde mit dem Messer gestochen. Ich habe Fehler gemacht, ich weiß noch nicht, welche?“ „Die Fotos, sie haben sie nicht?“ „Ich bin weg aus der Stadt, irgendjemand lässt mich verfolgen. Ich hoffe, niemand weiß, wo ich bin.“ „Sie müssen es weiter probieren! Ich brauche Beweise!“ Ihre Stimme bat und befahl. „Ich werde sehen, was möglich ist.“ „Sagen Sie morgen Bescheid!“ „Das ist zu früh, sie müssen warten. Ich werde vorsichtig sein. Ich melde mich wieder. Sehr bald!“ Er hatte den Auftrag vor fünf Wochen bekommen: Sie fühle sich betrogen, ihr Liebhaber besuche eine andere auch, so behauptete sie. Nicht genug, dass er verheiratet sei. Nun machte sie Druck. Er musste ihr zeigen, dass er das nicht ertrug. Er bestimmte das Tempo! ‚Liebesgeschichten!’ Als er die Kanzlei vor sechs Wochen eröffnet hatte, hatte er sich geschworen: keine Liebesgeschichten! Eine Woche lang hatte er Wände gestrichen und Möbel aus den Lagern der Altwarenhändler gezogen: einen riesengroßen Tisch, einen dunklen, hölzernen Drehstuhl, zwei weiche Sessel mit blauem Lederbezug, rollbare Schubladenkisten aus blankem Metall, ein schmales Bretterregal und einen alten türkischen Teppich, den er besonders mochte: sein Büro: altes Parkett, ein hohes Zimmer, groß war es nicht, doch auch nicht klein: genug zum Warten oder auch Plaudern, sowie eine Nische mit Spüle, mit Kühlschrank, mit Herd und eine Espressomaschine, auch ein Fenster zum Rausschauen, die Straße belebt und in der Nähe des Bahnhofs, ein paar Bäume unterbrachen den Gehsteig. Sein erster Fall: keine Liebesgeschichte, von wegen: ihr Liebhaber ginge ihr fremd! Er schüttelte den Kopf und schob den Teller von sich.  Kurz nach Weihnachten war es gewesen, als er zum ersten Mal in seinem Büro saß, im Anzug und stolz, um viertel nach zehn, den Aschenbecher zu sich an die Schreibtischkante zog, die Schlagzeilen der Tageszeitung überflog und in der Sakkotasche nach seinem Feuerzeug wühlte. Es hatte geklopft, er hatte die Tür aufgerissen: da stand sie vor ihm in rotem Kostüm und dunklem, grauem Mantel. „Guten Morgen.“  „Guten Morgen.“ Sie hatten Espresso getrunken, sie hatten geraucht, er hinterm Schreibtisch, sie in dem blauen Lederfauteuil.

Matter stellte Teller, Gabel und Topf in die Spüle, ging zum offenen Fenster zurück und rauchte langsam und gierig. Es beruhigte ihn, mit niemanden sprechen zu müssen. Plötzlich hörte er Lärm, keifende Leute. Er beugte sich weit aus dem Fenster. Neben dem grünen Haus war die Wirtschaft des Ortes mit tief heruntergezogenen Scheiben, man sah im Vorbeigehen jeden dort sitzen. Vor dem Fenster waren drei Männer am Zanken, einer fuchtelte wild mit den Händen. Matter erkannte zwei der Gesichter, die Käuze des Dorfes kannte man schnell. Kinimot hieß der eine, der andere Loop. Matter ließ die Zigarettenkippe aus dem Fenster fallen, schloss es mit einem Knall und zog sein Sakko und den Mantel an. Er war neugierig. Frische Luft würde ihm gut tun. Er trat aus dem Haus und ging heiter über den Platz und die Straße.

Empört stand Kinimot da, Loop hockte im Schnee auf dem Gehsteig und hielt sich die Backe.  Kinimot sagte: „Haben Sie das denn gesehen? Das Übel findet auch hier statt.“ „Was war denn das Übel genau“, fragte Matter. „Ein Streit! Diese Frau, die keiner hier kennt.“ „Eine Frau hat ihn geschlagen?“, fragte Matter und wies mit dem Finger auf Loop. „Nein, Fuhrer schlug ihn.“ „Fuhrer?“ Loop beklagte: „Mir tut das alles so weh.“ Kinimot beugte sich zu ihm hinunter: „Er ist nicht verletzt, er ist nur beleidigt.“ „Rechtsanwalt Fuhrer hat mich geschlagen, nur weil ich singen wollte für seine Frau.“ „Du kannst nicht wissen, dass es seine Frau war“, behauptete Kinimot. „Geküsst haben sie sich, ich hab das gesehen! Das hat mich gefreut. Sie sehen“, wandte Loop sich an Matter, „ich mag das, wenn sie sich küssen. Ich habe gefragt, ob ich singen dürfe für sie. Da fingen sie an zu streiten. Er sei ein Idiot  und sie wolle verschwinden mit ihm. Jetzt gleich, sagte sie. Und sie eilte schnell weg.“  “Er begann dann, uns zu beschimpfen“, sagte Kinimot. Matter fragte: „Sie wollten singen?“ „Er singt dauernd“, bedauerte Kinimot leise. Der Wirt trat zu ihnen und sagte: „Der Loop ist ein Sänger, das sind unsere Dödel vom Ort. Ich heiße Schwib, ich bin hier der Wirt. Und Sie sind hier neu? Darf ich Sie einladen auf ein Glas, zur Begrüßung?“ „Danke, nicht heute“, meinte Matter und ging. 

Er spazierte im Ort. Er kam durch kleinere Gassen. Plötzlich krachte es durch das Dunkel: ein Schuss. Zwei weiter Schüsse folgten. Matter zuckte zusammen: das hatte sehr nahe geklungen. Er rannte die Gasse bergan links um die Kurve. Sehr kleine, sehr alte Häuschen, sehr viel frisch renoviertes Fachwerk beherrschten den Ort. Winzige Gärten davor, darin Zwerge und Sträucher. Geld spielte hier eine Rolle: idyllisches Wohnen nahe der Stadt. Dann sah er die Glatze, sie hieß ihn: „Bleib stehen!“  Matter gehorchte. Zwei weitere Skinheads kamen hinzu. Sie waren erhitzt und rangen nach Atem. Einer schwang eine rostige Stange. Sie gerieten in Panik, dass er da stand. „Verdammt, was will der hier?“ „Der ist doch egal, los, wir müssen hier weg!“ „Wo steht der Wagen?“ „Igor wartet am Bahnhof auf uns.“ „Schnell.“ „Ich kenne den, wartet. Vor vier Wochen, in der Garage. Der war das, ich wette. Er entwischte dem Messer.“ „Das war der Falsche gewesen.“ „Der schnüffelt hier rum!“ „Was ist jetzt, wollt ihr die Bullen erwarten?“ „Der hat uns gesehen, ich hau den zu Brei!“ „Du bist blöd wie ein Klotz!“ „Der wird uns gefährlich!“  Sie brüllten und lärmten dumm durcheinander. Matter glaubte sie auch zu erkennen, er war vorsichtig näher getreten.  „Los, aber kommt!“, brüllte der eine, und zwei begannen zu laufen, der dritte rief ihnen nach: „doch der hier….“  Matter stand nahe jetzt in dessen Rücken.  „Gib acht!“ schrieen die andern, der drehte sich um, er hielt noch die Stange.  Matter sah eine Narbe in dessen Gesicht. Er rammte ihm seine zwei Hände zur Faust gefaltet mit Schwung in den Magen, der klappte vornüber, und Matter stieß ihm das Knie an das Kinn. Die zwei anderen rannten davon. Matter schleuderte die Stange in einen der Gärten, packte den Arm dieses Skins und riss ihn nach oben bis an den Nacken, der Skinhead brüllte vor Schmerz, er riss diesen Kerl aus dem Schnee auf die Füße, rempelte mit seiner Schulter brutal dessen Rücken:  „Komm, Junge, wir gehen ins Wirtshaus!“  Matters Gesicht war krebsrot, sein Herz schlug bis in die Stirn, Angst durchschoss seinen Körper, die Gedanken sprangen zu schnell und zu wirr. Das waren die Skins, die ihn vor einem Monat geprügelt hatten. Matter erinnerte sich an diese Narbe. Er spürte noch Hass: ‚sinnlose Schläger!…‘

Fuhrer? Hatte der Mann, den er suchte, nicht einen Kollegen mit Namen Fuhrer. Fuhrer hatte gestritten, mit einer Frau? Wer war diese Frau, die keiner hier kennt? Wer hatte geschossen? Waren die Skinheads ihm bis hierher gefolgt? Er sei der Falsche gewesen, hatte einer von ihnen gesagt. Wen aber suchten sie dann?’