über: HEINRICH VON KLEIST

Ein Gedanke beherrschte das Leben des Heinrich von Kleist und dies mit einer ungeheuren Macht und Schwere. Es ist der Zweifel an den Tatsächlichkeiten, den wir gemeinhin doch nach kurzem Zögern und flüchtigem Bedenken gerne zur Seite schieben und uns nun in Sicherheit wiegend in das uns Unumgängliche fügen. Wir wollen hinein, in unseren Alltag, in unsere Lebensgemeinschaften. Wir wollen nicht so gerne hinterfragen. Diese Welt ist wie sie ist und die Gegebenheiten und ihre Bedingungen ebenso. Also leben wir unsere Tage und handeln. 

„Wir können nicht entscheiden, ob das was wir Wahrheit nennen, wahrhaftig Wahrheit ist oder ob es uns nur so scheint […] Mein einziges, mein höchstes Ziel ist gesunken, ich habe nun keines mehr.“ [1] So schrieb aber Kleist im Jahre 1801 in einem Brief an seine Verlobte Wilhelmine. 

Er wollte wissen, wie es wirklich ist, suchte nach so etwas wie einer ‚wirklichen Wirklichkeit’. Er ahnte die vielen auch schrecklichen Räume und deren Farben, die unsere Welt vertiefen und gestalten. Das trieb ihn umher, ein ganzes Leben währendes inneres und äußeres Wandern. Der berühmte Dichter hatte Zeit seines Lebens meist keinen festen Wohnsitz.

Kleist sollte Soldat werden, seine Familie, die aus dem pommerschen Uradel stammte, besaß eine militärische Tradition. Sein Vater diente als Major und es hatte vorher schon neben Diplomaten, Beamten und Gelehrten in der Familie manchen General und Feldmarschall gegeben. Kleist wurde laut Eintrag im Kirchenbuch am 18. Oktober 1777, nach eigenen Angaben am 10. Oktober, als Bernd Heinrich Wilhelm von Kleist in Frankfurt an der Oder geboren. Er war zehn Jahre alt, als im Juni 1788 sein Vater verstarb. Mit fünfzehn Jahren bereits trat er 1792 als Gefreiterkorporal in das Batallion des Garderegiments in Potsdam ein und nahm 1793 am Rheinfeldzug gegen Frankreich teil. Im selben Jahr verlor er auch seine Mutter. 1797 wurde er Leutnant. In dieser Zeit nahm er mit einem Freund Unterricht in Mathematik und Philosophie und verkehrte im Haus der Marie von Kleist, geb. Gualtieri, einer Vertrauten der preußischen Königin Luise. Im April 1799 bat Kleist um den Abschied aus dem Militärdienst und begann an der ersten, 1506 gegründeten Universität in Brandenburg, der Alma Mater Viandrina in Frankfurt an der Oder Physik und Mathematik zu studieren. Ebenso interessierte er sich für Vorlesungen über Philosophie, Kulturgeschichte und Naturrecht. Ganz gegen die Vorstellungen seiner Familie. Während des Studiums lernte er die Generalstochter Wilhelmine von Zenge kennen. Anfang 1800 kam es zur Verlobung der Beiden. Nicht nur, weil Wilhelmines Familie von Kleist erwartete, ein Staatsamt inne zu haben, beendete er sein Studium im Sommer dieses Jahres und ging nach Berlin. Er wollte in den preußischen Staatsdienst. Der eigentliche Grund war aber wohl vielmehr, dass die Wissenschaften seinen Drang nach Bildung und Erkenntnis nicht mehr befriedigen konnten. „Bildung scheint mir das einzige Ziel, das des Bestrebens, Wahrheit der einzige Reichtum, der des Besitzes würdig ist.“ [2], hatte er gesagt. Jetzt sagte er auch: „Das Wissen macht uns weder besser, noch glücklicher.“ [3] 

Kleist hatte sich gerade intensiv mit Kants Schriften auseinander gesetzt. Es könne keine objektive Erkenntnis geben! Diese Erkenntnis stürmte in ihm. Kant hatte dem guten Glauben an die Vernunft die Grenzen aufgezeigt. Man sagt, Kleist wurde gefangen von der sogenannten ‚Kant – Krise’, die ihn jegliches Vertrauen in die Erkennbarkeit der Dinge und in die Möglichkeit, sie sprachlich je fassen zu können, verlieren ließen. Er reiste scheinbar rastlos durch halb Europa. Mit seiner Halbschwester Ulrike, die ihm wohl öfter mit Geld unter die Arme griff, zog es ihn nach Paris und er studierte dort die Schriften Voltaires und vor allem Rousseaus. Die Stadt und die Franzosen konnten ihn weniger begeistern. Er verzweifelte an der Diskrepanz zwischen angesagtem Anspruch und tatsächlichem Verhalten des Einzelnen genauso wie des Staates und der Gemeinschaft. „O hätten alle, die gute Werke geschrieben haben, die Hälfte von diesem Guten getan, es stünde besser um die Welt.“ Rousseaus sprach von einer Lebensweise ganz verbunden mit der Natur, das regte ihn an, „Ein Feld zu bebauen, einen Baum zu pflanzen, und ein Kind zu zeugen“ Kleist zog Ende 1801 weiter in die Schweiz, wollte ein Leben wie ein einfacher Bauer führen: „Einen Lehrer gibt es, der ist vortrefflich, wenn wir ihn verstehen; es ist die Natur.“, und: „Welch ein unsägliches Glück mag in dem Bewusstsein liegen, seine Bestimmung ganz nach dem Willen der Natur zu erfüllen.“. Er blieb in der Schweiz fast ein ganzes Jahr bis Oktober 1802. Schrieb seiner Verlobten Briefe voller Sehnsucht und dunkler Gedanken. Sie sollte zu ihm kommen, aber sie wollte sich nicht seinen Absichten fügen. Die Verlobung löste sich auf. Für Heinrich von Kleist rückte die Arbeit des Schreibens nun dauerhaft in den Vordergrund, es begann seine produktivste Zeit. In den folgenden Jahren entstanden acht Dramen und viele Erzählungen, allesamt Werke „anerkannt als Weltliteratur“. Er kehrte nach Deutschland zurück. Verbrachte vier Monate in Dresden. Christoph Martin Wieland ahnte Kleists schriftstellerisches Talent und holt ihn nach Weimar. Es kam zu flüchtigen Begegnungen mit Schiller und Goethe. Kleist trieb es weiter, 1803 reiste er wieder, erneut nach Paris, nach Bern, Mailand und Genf. Er zweifelte an seinen Fähigkeiten zu schreiben, vernichtete Manuskripte, litt und beklagte am 26. Oktober 1803 in einem Brief an seine Halbschwester Ulrike: „Der Himmel versagt mir den Ruhm, das größte der Güter der Erde!“ Er brach seelisch zusammen, hatte massive Suizidgedanken, kehrte zurück nach Deutschland, arbeitete dennoch viel und beendete Dramen, feilte an Erzählungen. Es war nun der Wechsel der Jahre 1804 zu 1805. Kleist trat wieder in den Staatsdienst ein, ab Mai arbeitete er an der Domänenkammer in Königsberg und besucht finanz- und staatswissenschaftliche Vorlesungen. Im August 1806 schied er wieder aus dem Staatsdienst aus, wollte sich von nun an von seiner ‚dramatischen Arbeit’ finanzieren. Am 14. Oktober gelang Napoleon der Sieg über Preußen; Preußen war jetzt größtenteils von den Franzosen besetzt. Kleist wurde verhaftet als angeblicher Spion und geriet 1807 in französische Gefangenschaft. Auch während dieser Zeit gelang es ihm weiter zu arbeiten. Nach seiner Haftentlassung im Juli zog es Kleist wieder nach Dresden. Dort wurde er zusammen mit dem Philosophen und Staatstheoretiker Adam Heinrich Müller Herausgeber der Monatszeitschrift ‚Phöbus. Ein Journal für die Kunst’. Das Journal fand jedoch wenig Zuspruch und musste bereits im Februar 1809 wieder eingestellt werden. Im Sommer darauf reiste Kleist nach Österreich und verbrachte einige Zeit in Prag. Ab Oktober 1810 gab er die ‚Berliner Abendblätter’, die erste Tageszeitung Berlins, heraus, in denen er wie schon im Phöbus einige seiner Arbeiten veröffentlichte, musste aber bereits im Frühjahr 1811 wegen Konflikten mit der Zensur wieder aufgeben. Pläne für eine politische Zeitschrift mit dem Titel ‚Germania’ kamen erst gar nicht zur Umsetzung. Kleist versuchte vergeblich wieder eine Anstellung in der preußischen Verwaltung zu bekommen. Sein Stück ‚der Prinz von Homburg’ wurde mit einem Aufführungsverbot durch Friedrich Wilhelm III belegt. Kleist arbeitete an Erzählungen und musste veröffentlichen, um seinen Lebensunterhalt zu gewährleisten. 

Kleist schrieb einmal seiner Halbschwester:„Liebe Ulrike, es ist ein bekannter Gemeinplatz, dass das Leben ein schweres Spiel sei; und warum ist es schwer? Weil man beständig und immer von Neuem eine Karte ziehen soll u[nd] doch nicht weiß, was Trumpf ist.“ Diese Situation mag man tragisch nennen. Man muss handeln und kann es doch nicht. Christa Wolf lässt in ihrem Buch ‚Kein Ort. Nirgends’ (Sammlung Luchterhand, 1981) Kleist im Hause der Brentanos auf Karoline von Günderrode treffen. Sie lässt ihn sagen: „Ich kann die Welt in gut und böse nicht teilen; nicht in zwei Zweige der Vernunft, nicht in gesund und krank. Wenn ich die Welt teilen wollte, müßt ich die Axt an mich selber legen, mein Innerstes spalten, …“. Kleist weiß, in uns allen findet es statt, das Gute wie das Böse, so dass man zweifeln möchte, ob man es denn benennen kann als solches, was dann in Wahrheit gut oder Böse geheißen werden darf. In Kleists Drama ‚Penthesilea’, das Jens Bisky, Redakteur der „Süddeutschen Zeitung“, als „das größte Werk der deutschen Literatur neben ‚Faust‘ und ‚Wallenstein’“ charakterisierte, verliebt sich Penthesilea in Achill, ihren Gegner auf dem Schlachtfeld und tötet ihn doch. Und reißt Achill, dem Geliebten, als sie ihn dann getötet hat, mit den Zähnen das Fleisch aus der Brust. Will ihn unterwerfen, besitzen, in sich aufnehmen, ganz. In einem Brief bestätigte Kleist: „Sie hat ihn wirklich aufgegessen, den Achill, vor Liebe“. Liebe wird hier zum Abgrund, das chaotische Nichts, bedeutet hier auch Gewalt, Unterwerfung, auch Wahnsinn und Macht. Wir können Erfahrung machen von Gefühlszuständen jenseits unserer gesellschaftlichen Grenzsetzungen. Und doch beständig und nah unserem Wesen. Wir wagen es kaum, das zu denken. Sind irritiert und hilflos angesichts Aggression solcher Art. Kleist deutet in seinem gesamten Werk auf das Extreme, das uns kaum Fassbare, uns Beherrschende, Gewaltige und Gewalttätige, das von uns Verrückte und das doch ganz im Menschen Verankerte. Ihm geht es nicht um schwelgende Emotionen, vielmehr beschreibt er nüchtern, klar und kühl die keimenden Risse und Bruchstellen unserer Zivilisation. 

Kleist schien das Leben ein immerwährender Kampf, gegen sein eigenes Innen und das beschränkende Außen der Gesellschaft. Ergibt sich beides für einen Moment, hält der Krieg kurz inne, steht die Welt einen Augenblick still, genoss er vielleicht einen Atemzug lang tief in sich die flüchtige Ruhe.

„Ach, was ist das Leben des Menschen für ein farbenwechselndes Ding!“  

Kleist setzte mit 34 Jahren seinem Leben selbst ein Ende. Am 21. November 1811 wählte er mit einer Bekannten, der totkranken Henriette Vogel, die er in den Berliner Literatenkreisen kennen gelernt hatte, den Freitod.  

[1 ]In einem berühmten Brief an Wilhelmine vom 22. März 1801 – [2] www.gutzitiert.de – [3] www.zitate.eu – [4]Brief an Wilhelmine, Frühjahr 1801 aus Paris – [5] Brief vom 10. Oktober 1801 an Wilhelmine – [6] www.zitate.eu – [7] http://www.gutzitiert.de – [8] 26. Oktober 1803  an seine Halbschwester Ulrike – [9] aus einem Brief an seine Halbschwester Ulrike – [10] Christa Wolf, ‚Kein Ort.Nirgends’ (Sammlung Luchterhand 1981) – [11] ALEXANDER KOSENINA, SPIEGEL SPECIAL 5/2007 25.09.2007 -[12] aus einem Brief an Marie von Kleist – [13] www.zitate.eu

Quellen: http://www.heinrich-von-kleist.org/ueber-heinrich-von-kleist/biographie/; http://de.wikipedia.org/wiki/Heinrich_von_Kleist; http://www.zitate.eu; http://www.dieterwunderlich.de/Heinrich_Kleist.htm; http://www.gutzitiert.de; http://www.xlibris.de/Autoren/Kleist/Biographie; ALEXANDER KOSENINA, SPIEGEL SPECIAL 5/2007 25.09.2007; Kermani, Navid, DER SPIEGEL 47/2012, 19.11.2012; http://www.zeit.de/2011/02/Heinrich-von-Kleist/